Neues Motorrad, neue Horizonte

Endlich konnte ich mein neues Vehikel einem Langzeittest unterziehen und war wieder auf Reisen in Südamerika. Leider hatte das Wetter meine ursprünglichen Pläne zunichtegemacht und ich musste die Reise mittendrin abbrechen. Dennoch hatte ich erneut schöne Momente, nette Begegnungen und hin und wieder ein Wiedersehen mit alten Bekannten. Dieses Mal hatte ich auch etwas mehr Bilder gemacht, denn ich finde, der Textbeitrag “Neues Motorrad, neue Horizonte” wird damit doch deutlich runder.

Tag 1: Wohnort Paraguay – Filadelfia ~500km

Beim aktuellen Besuch im Chaco will ich unbedingt unter der Woche dort aufschlagen, damit ich den dort befindlichen modernen Supermarkt inspizieren kann. Am Ende ist das ziemlich unnötig, denn es gibt dort nichts, was es nicht auch in Asunción gibt. Bevor ich dort hingelange, darf ich jedoch nahezu die gesamte Strecke im Regen fahren. Das ist gar nicht so schlimm, die 8€ Plastikkleidung hält das erstaunlich gut aus und ich befinde mich während der Regenphasen immer in einem meditativen Zustand. Angelangt in Filadelfia, bin ich etwas erstaunt, die Gegend nicht so verstaubt zu sehen wie im Vorjahr. Ansonsten ist die Kleinstadt genauso unspektakulär wie zuvor.

Tag 2: Filadelfia – Tarija ~669km

Ursprünglich will ich nur bis Villamontes fahren. Wegen der Zeitzone komme ich dort jedoch schon eine Stunde früher als geplant an und da ich für den Nachmittag keine weiteren Pläne habe, fahre ich von dort gleich nach Tarija weiter. Das war eine meiner gelegentlich vorkommenden dummen Ideen, wie ich kurz darauf bemerke. In Villamontes trinke ich meinen letzten Schluck Wasser und denke, die restlichen ca. 220 km fahre ich locker in zwei Stunden ab. Bereits nach wenigen Kilometern wird mir klar, dass ich zunächst ca. 25 km Schotterpiste mit Serpentinen fahren muss. Hinzu kommen Höhenabschnitte mit ca. 2.500 Höhenmetern. Die staubige Luft und die Höhenmeter treiben den Durst auf die Spitze. Zwar habe ich noch Geld für Bolivien dabei, aber ich will nicht anhalten und danach suchen. Also halte ich durch und nach insgesamt fünf Stunden komme ich dann endlich bei Frederic in seinem Hotel an. Er versorgt mich umgehend mit Wasser. Ich ziehe zwei Liter durch und lege mich nach dem Verstauen des Gepäcks hin. Meine Birne brummt kräftig und die Toilette bekommt trotz der Wasseraufnahme kaum Besuch von mir. Ich erleide also eine mittelschwere Dehydration. Nach ziemlich genau 24 Stunden ist der Spuk dann glücklicherweise wieder vorbei. Ich pausiere dort meine Reise für zwei Tage.

Tag 4: Tarija – San Salvador deJujuy ~479km

Da ich in Bolivien abermals kein Benzin erhalte, breche ich die ursprüngliche Planung ab, auf der Salina Grande in Uyuni zu fahren und ich mache mich nach einem ausgiebigen Frühstück auf dem kürzesten Weg nach Argentinien. Versorgt mit zwei Liter Wasser kann dieses Mal nichts schiefgehen. Am Vormittag kurve ich über schotterige Serpentinen Richtung Grenze. Nach etlichen Kilometern, kurz vor dem Asphalt, halte ich an, um einen ordentlichen Schluck zu trinken. Leider muss ich jedoch feststellen, dass mir die Wasserflasche abhandengekommen ist. Im Kopf rechne ich mir aus, wie viele Stunden ich noch vor mir habe und fasse den Plan, an der nächsten Tankstelle Wasser zu kaufen. Den Grenzübergang in Villazón kenne ich noch nicht, aber trotz meiner anhaltenden Sprachschwierigkeiten komme ich vergleichsweise gut durch. Allerdings muss ich mein Motorrad dafür etwas aus den Augen lassen, was mir ein mulmiges Gefühl bereitet. Aber die Beamtin passt gut darauf auf und nach meiner Rückkehr ist alles noch an seinem Platz. Der Grenzbeamte auf der Seite Argentiniens hat offenbar Langeweile und lässt mich alles aufmachen, damit er nach Schmuggelware Ausschau halten kann. Glücklicherweise habe ich dieses Mal nichts dabei und ich kann meine Fahrt weiterführen, nachdem ich meinen Unmut mit Wimmern und Stöhnen beim Verzurren der Ladung zur Schau stelle.
Die nächste Tankstelle hat ihren Shop leider geschlossen und erneut muss ich mit anhaltendem Durst weiterfahren. Auch das Benzin wird langsam knapp und um zu vermeiden, die Reserve auspacken zu müssen, verringere ich etwas mein Tempo. Irgendwann komme ich dann endlich an der nächsten mir bekannten Tankstelle an und lasse dort volltanken. Ganze 700 ml Kraftstoff habe ich noch im Tank gehabt. Das ist doch eine echte Meisterleistung, denke ich mir und versorge mich im Shop mit Wasser und Cola. Im Hotel angekommen erhalte ich das ausgemergelte Budgetzimmer, welches ich am Folgetag mit einer Ein-Stern-Bewertung vergolde. Durstig trinke ich am Abend zuvor noch die Cola und kann daraufhin lange Zeit nicht einschlafen.

Tag 5: San Salvador deJujuy – Catamarca ~584km

Entgegen meiner inneren Überzeugung entschließe ich mich aufgrund der Streckenplanung, in einer größeren Stadt zu übernachten. Alternativen gibt es ohne erheblich längere Strecken bei der geplanten Streckenwahl keine.
Die Fahrt ist geprägt von vielen Kilometern durch steppenartiges Gelände. Irgendwann meldet mein Körper mir, dass er Gewicht loswerden will. Grundsätzlich ist das kein Problem für mich, dem in freier Natur Folge zu leisten. Allerdings ist es nicht so leicht, in einer Kieswüste Büsche zu finden. Die ersten Kandidaten sind mir so nah an der gut befahrenen Straße etwas zu klein. Das Signal wird dringender, ich erhöhe die Geschwindigkeit und halte weiter Ausschau. Dann endlich tut sich eine Gruppe dorniger Büsche auf. Ich halte an und marschiere im energischen Stechschritt zu den Büschen, wo ich dann endlich in der letzten Sekunde…
Angekommen am Hotel, ist bis auf den Umstand, dass ich die Zimmertür von außen nicht verschließen kann, nichts zu bemängeln. Gegen 21:00 Uhr fallen mir die Augen zu und die Nacht kann beginnen, selbstredend mit Gehörschutz.
Leider schaffen es die einfach verglasten Fenster und die Bässe und Auspuffe der Fahrzeuge, mich trotzdem immer wieder aus dem Schlaf zu wecken. Gegen 02:22 Uhr packe ich entnervt meine Sachen und verlasse nach dem Verzurren des Gepäcks den Laden wieder.

Tag 6: Catamarca – Uspallata ~878km

Leider habe ich zuvor auch wieder ungünstig geplant und muss beim nächsten Abschnitt eine sehr lange Strecke zurücklegen. Aber mitten in der Nacht mit 125 km/h auf der Ruta mit Festbeleuchtung, das hat schon was. Viechzeug ist glücklicherweise keines unterwegs und ich düse unbeschadet dem Morgengrauen entgegen. Der Sonnenaufgang tritt später ein als erwartet und ich befürchte temporär, dass es die Langoliers doch gibt und alles um mich herum schon aufgefressen haben. Irgendwo auf der Ruta 150 mache ich dann kurz halt. Leider verpasse ich bei der Aktion die Sichtkontrolle des ausgeklappten Seitenständers.
Als der erwartete Neigungswinkel überschritten wird, ist es bereits zu spät. Ich kann die schwere Maschine nicht mehr halten und sie fällt um. Ich versuche zunächst vergeblich, sie auf schotterigem Untergrund wieder aufzurichten. Dabei bemerke ich durch die Körperspannung etwas, bei dem ich mir nicht sicher bin, ob das in diesem Moment die richtige Situation sei, dem Druck nachzugeben. Ich gebe den Versuch zunächst auf und beginne damit, das Gepäck zu lösen, um den hohen Schwerpunkt von ca. 25kg zusätzlich nicht drücken zu müssen. Währenddessen überlege ich mir, was ich mit meinem “Exit” Problem machen soll. Wenn jetzt ein Auto kommt, das wäre hilfreich, geht es mir durch den Kopf. Nach ca. zwei Minuten erscheint dann mitten im Nirgendwo doch tatsächlich ein Fahrzeug. Sonst bin ich in Sachen um Hilfe bitten eher mit enormer Blockade versehen, übernimmt mein Körper sofort das Kommando und winkt hilfebedürftig herum. Doch das Auto fährt weiter und ich drehe mich um und winke traurig noch einige Sekunden.
Dann ist es wie im Film. Nach einigen hundert Metern bremst das Fahrzeug, wendet und fährt zu mir zurück. Ich forme die Hände zu einem dankbaren Gebetszeichen. Im holprigen Spanisch sage ich nur “Por favor, me puedes ayudar con la moto?”. Dann steigen aus dem Fahrzeug doch tatsächlich fünf nicht unattraktive Damen verschiedener Jahrgänge aus. Die attraktivste von denen scheint die Rädelsführerin zu sein. Ich verstehe sie glücklicherweise ganz gut, die Situation ist schnell klar und zu dritt richten wir das Bike easy auf. Geistesgegenwärtig gibt die Chefin den Tip, das Moto auf den Asphalt zu schieben, damit es nicht wieder umfällt. Dann sagt sie noch, ich soll testen, ob der Motor startet. Sonst eher autonom unterwegs, bin ich in diesem Moment dankbar, dass eine andere Person die Situation kontrolliert. Die Maschine geht nicht an und ich denke zunächst, dass sie abgesoffen sei. Das teile ich der Dame mit und sie erklärt es interessiert ihren Begleiterinnen. Ich bedanke mich dann erneut in aller Form und die Damen machen sich wieder auf den Weg. Da der Motor eine Einspritzung hat, schließe ich die Vermutung über das “Abgesoffen” sein nach einigen erfolglosen Startversuchen wieder aus und mir fällt ein, dass moderne Maschinen bei einem bestimmten Neigungswinkel oft eine elektronische Sperre aktivieren, damit kein Kraftstoff ausläuft. Also Zündung, welche die ganze Zeit über an ist, einmal ausmachen, etwas warten, dann wieder aktivieren und siehe da: Mein Baby startet mit einem kleinen Puffgeräusch.
Den Rest des Tages spule ich ganz unspektakulär ab.

Tag 7: Uspallata – San Jose de Jachal ~443km

Am Vorabend muss ich feststellen, dass der Grenzübergang zu Chile wetterbedingt für private Fahrzeuge gesperrt ist. Schade, dass mir die KI das zwei Tage zuvor nicht mitgeteilt hatte. Aber ich will die Verantwortung dafür gar nicht abgeben, das sollte ich in meiner Planung eben prüfen. Stattdessen ging ich nicht davon aus, dass so etwas überhaupt sein kann. Also muss ich umplanen und ich beschließe, die Reise zu ihrem Ende zu bringen, da ich keine Lust mehr habe, über Atacama nach Chile zu reisen und dort einen Kreis zu fahren. Ich halte es für klüger, diese Kilometer für die nächste Reise einzusparen. Also geht es auf die altbekannte Ruta 40 und dort drehe ich gemütlich meine Runden. Es gibt zahlreiche kurvige Streckenabschnitte, ich lerne, dass mir auch in Kurven schlecht werden kann, dass Lamas Sturköpfe sind, die nicht zurückgrüßen und ich ein Faible dafür habe, mich ausgesetzt zu fühlen.
Auf dem Weg begegne ich zahlreichen Menschen, die mit Rennrädern unterwegs sind, bei nicht unerheblichem Seitenwind. Mensch waren das noch Zeiten, als ich solche Aktionen als willkommene Herausforderung angesehen hatte. Da sitze ich mir mittlerweile doch lieber den Hintern platt und ertrage die chronischen Wehwechen und Überlastungsschmerzen des Rückens.

Tag 8: San Jose de Jachal – Belen ~465km

Auch dieses Mal ist es für mich ein Genuss, die bergige Landschaft zu sehen und die kurvigen Abschnitte zu befahren. Insgesamt ist die Gegend etwas belebter als zwei Jahre zuvor. Allerdings ist es mit dem Motorrad eine viel nähere Erfahrung als damals mit dem Pickup. Die Tagesleistung im Bereich von bis zu 500 km stufe ich als für mich und mein Fahrerprofil passend ein und ich erkenne, wie schön und entspannt das Solo-Reisen ist. Damit bin ich wohl nicht alleine, denn ca. ein Drittel aller mir auf diesem Trip entgegenkommenden Motorradfahrer sind ebenfalls solo unterwegs.
Ab dem späten Nachmittag schlendere ich etwas durch den Ort. Dieser hat doch so einiges an touristischen Dingen vorzuweisen, die mich allerdings nur am Rande interessieren. Ich bin und bleibe ein Freund der Natur. Was mir der Anblick eines Berges emotional gibt, das schafft der menschengemachte Springbrunnen einfach nicht.

Tag 9: Belen – Libertador General San Martín ~596km

Es geht an diesem Tage endgültig damit los, nur noch Kilometer zu fressen. Kaum noch interessante Landschaften, viele kleine Ortschaften und schwer zu überholende Schwerlastvehikel. Der Körper wehrt sich allmählich mehr als zuvor und die Schmerzen werden eindringlicher. Für gewöhnlich würde ich jetzt zwei Tage Rast machen. Hin und wieder treffe ich nette Menschen an den Tankstellen und für einen Smalltalk reicht mein Spanisch bei klarem Kopf mittlerweile allemal. Angekommen am Hotel, merke ich, dass ich genau dort vor zwei Jahren bereits einmal übernachtet hatte. Sehr interessant, was man so vergisst und was nicht.

Tag 10: Libertador General San Martín – Wohnort in Paraguay ~1000km

Der schlimmste Tag beginnt. Nichts als Strecke machen, fahren, fahren, fahren. Die Geschwindigkeit liegt bei 120 km/h, sonst würde der Kraftstoff nicht reichen. Neben den typischen Kurzunterhaltungen an den Tankstellen mache ich eine ganz besondere Begegnung. Ich kaufe im Shop an der Tankstelle eine Packung Kekse. Als Preis verstehe ich „trescientos“ und nach einigem Hin und Her stellte sich heraus, dass die Dame eigentlich „tres mil quinientos“ sagen will. Keine Ahnung, ob ich wirklich schon so schwerhörig bin oder ob in dieser Gegend so gesprochen wird.
Beim Herausgehen bemerke ich einen kleinen Hund neben mir. So eine drollige kleine Französische Bulldogge. Ich denke mir, der Hund möchte auch raus, also halte ich die Tür für ihn auf. Dann öffne ich die Packung Kekse und mein Getränk, um dem Körper Energie zuzuführen. Beim ersten Keks in der Hand bemerke ich, dass der Hund vor mir steht und mich traurig anschaut. Ich sage laut „ich weiß, was du vorhast“. Beim zweiten Keks wiederholt sich das Ganze und ich sage „nein“. Dann ergibt sich ein Smalltalk mit einem Bystander. Nach der Verabschiedung futtere ich weiter und bemerke wieder den Hund vor mir. Nochmal sage ich „nein“. Dann mache ich mich abfahrbereit, jedoch nicht ohne nochmal einen Keks zu naschen. Ja und was sehe ich? Richtig, der Hund steht wieder vor mir. Ich gebe nach und halte ihm den Keks hin, welchen er gerne verspeist.
Nach einigen Stunden Fahrt denke ich erneut an die Situation. Dann wird mir klar, der Hund wollte nicht einfach raus, er hat ganz genau gesehen, was ich in der Hand hielt und hat einfach sein garantiert erfolgreiches Programm ablaufen lassen. Ich fühle mich benutzt.
Die letzten 300 km der Tagesreise sind reine Quälerei und nur was für echte Liebhaber. An der Grenze zu Paraguay bin ich die einzige Person, die zu diesem Zeitpunkt dort vorstellig wird, müde und abgeschlagen wie ich bin, schaltet der Grenzbeamte für mich auf Englisch um und ich lege nach Erledigung der Formalitäten den Rest der Strecke zur aktuellen Heimat zurück.

Fazit

Eine Reise, die am Ende eher unzufrieden endet, mir jedoch einen Einblick in das Solo-Reisen gegeben hat. Innerhalb dieser Zeit haben sich die Erkenntnisse der Vergangenheit und die Pläne für die Zukunft gefestigt. Ich kenne jetzt ganz genau mein Fahrerprofil und kann mit der neuen Maschine besser umgehen.
Darüber hinaus hatte ich jede Menge kurzer Begegnungen, was mir mehr gibt als ein Smalltalk in einer lockeren Runde.

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